Wie kann man Fotos gestalten?

Der Bildinhalt

Kurzfassung

  • Lichtrichtung
  • Lichtfarbe
  • Lichtcharakter
  • Aufnahmeabstand (und verwendete Brennweite)
  • Aufnahmehöhe,
  • Blickrichtung
  • sind entscheidende Faktoren bei der Bildgestaltung.

    Ausführlich:

    Der Bildinhalt (im Sinne von: das Abgebildete) hat natürlich einen großen Einfluss auf die Gestaltung. Und oft haben wir leider wenig Einfluss auf das Abgebildete. Häuser und Berge kann man nicht mal eben an die passende Seite schieben, und auch das Wetter verhält sich oft genug nicht so, wie wir es wollen. Und die große Leuchte am Himmel? Sie zieht stur ihre Bahn …
    Aber vieles kann man eben doch beeinflussen, wenn man sich die nötige Zeit nimmt. Manchmal reicht es, mal ein paar Meter nach links oder rechts um das Objekt herumzugehen. Und manchmal muss man auch ein oder zwei Stunden warten, bis das Licht aus der richtigen Richtung kommt. Nicht nur bei Landschaftsaufnahmen braucht man Muße. Auch Porträts verlangen oft viel Zeit. So legen viele Menschen ihr Fotografiergesicht erst ab, wenn man sie schon einige Zeit fotografiert und vor allem viel mit ihnen gesprochen hat, so dass sie sich sicher fühlen.

    Was?
    Egal, was Sie fotografieren wollen, passen Sie auf, dass nichts Unerwünschtes aufs Bild kommt. Wenn Sie eine schöne Landschaft möglichst unberührt darstellen wollen, kann auch ein kleines Fitzel Papier im Gras die ganze Vorstellung zerstören. Und bei einem Porträt können ein unruhiger Hintergrund oder die scheinbar aus dem Kopf wachsenden Äste des Baumes im Hintergrund gewaltig stören.

    Tipp

    TIPP
    Solche wie aus dem Kopf wachsende Hörner aussehenden Äste sind bei Kameras mit Springblende im Sucher oft nicht gut sichtbar. Erst wenn man die Abblendtaste betätigt, wird das Bild mit der Schärfentiefe angezeigt, mit der es auch fotografiert wird, und so werden dann auch die im entfernten Hintergrund befindlichen Äste sichtbar.

    Es ist also wichtig, den Bildinhalt genau zu studieren, um das Unerwünschte auszuschließen. Wie der gewünschte Inhalt im Bild dann angeordnet werden kann, ist Thema des Abschnitts „Die Bildelemente“ in diesem Kapitel.

    Die gegenständlichen Maler haben es in der Gestaltung viel einfacher als die Fotografen. Bei ihnen gerät nicht mal eben etwas aus Versehen oder Unachtsamkeit mit aufs Bild. Alles, was auf dem Bild später zu sehen sein wird, hat der Maler gemalt und so bewusst in das Bild hineingebracht.
    Der Fotograf dagegen muss bewusst störende Details des Motivs suchen. Diese würden ja durch den Prozess des Fotografierens ohne sein Zutun quasi automatisch auf das Bild kommen. Er muss also nicht nur ein fotografierenswertes Motiv finden, sondern auch noch alles nicht Fotografierenswerte darin erkennen, um es durch eine Veränderung des Bildauschnittes oder durch die passende Aufnahmetechnik (z.B. geringe Schärfentiefe) aus dem Bild zu entfernen. Man könnte sagen, dass er auch das „Hässliche“ suchen muss.

    Das Licht
    Fotografieren heißt mit Licht zu malen. Und so ist natürlich das Licht ein sehr wichtiger und bedeutender Faktor bei der Bildgestaltung. Licht kann den Charakter des Dargestellten vollständig verändern. Es ist dabei nicht nur die Richtung wichtig, aus der das Licht kommt; auch die Lichtfarbe und die Art der Lichtführung, der Lichtcharakter, spielen eine wichtige Rolle.

    Lichtrichtungen
     


    Die Lichtrichtungen kann man grob einteilen:

  • Frontlicht kommt aus Richtung der Kamera, wirkt meist etwas flach und leblos, da im Bild kaum Schatten zu erkennen sind.
  • Seitenlicht kommt aus den Seitenbereichen neben der Kamera, modelliert das Objekt und lässt seine Form leben, da die Schatten die Räumlichkeit des Objekts betonen.
  • Streiflicht kommt aus den Seitenbereichen auf Höhe des Objekts. Es bringt die Strukturen flacher Objekte zum Leben.
  • Gegenlicht scheint von einer Stelle hinter dem Objekt (und damit in Richtung Kamera). Es erzeugt einen mehr oder weniger starken Lichtsaum auf dem Objekt (abhängig von der Oberfläche. Dadurch wirkt es interessant, bringt aber leider oft Probleme bei der Belichtungsmessung mit sich.
  • Unterlicht beleuchtet das Objekt von unten. Das ist eine sehr ungewöhnliche Lichtrichtung. Die Sonne ist ja normalerweise oben. Wenn man nun Gesichter mit Unterlicht beleuchtet, laufen die Schatten scheinbar in die falsche Richtung. (Das gilt natürlich nicht nur für Gesichter, ist aber dort am offensichtlichsten.) Das Unterlicht verunsichert den Betrachter, deshalb wird es gerne für Horroreffekte eingesetzt. (Achten sie mal in Filmen auf diesen Einsatz des Unterlichts.)

  • Auch hier verzichte ich auf Beispielbilder. Einem Anfänger fällt es meist schwer, die Wirkungen der unterschiedlichen Lichtsituationen auf solchen Bildern wahrzunehmen.
    Aus meiner Sicht ist es sinnvoller, wenn Sie, mit einer Lampe bewaffnet (Taschenlampe oder Schreibtischlampe, auf jeden Fall aber eine mit gerichtetem Licht) um ein Objekt (das kann eine Person sein) herumgehen und bewusst die verschiedenen Möglichkeiten ausprobieren. Lassen Sie sich dafür viel Zeit und probieren Sie es öfter, es lohnt sich. Auch andere Lichteffekte können Sie selber studieren. Nähern Sie sich einmal mit einem beleuchteten Blatt Papier einem Schatten. Zum Beispiel so: In Räumen mit Tischlampen sind die Rücken der Stuhllehnen oft im Schatten. Stellen Sie sich hinter eine solche mit einem weißen Blatt Papier, das Sie ins Licht halten. Verändern Sie den Winkel und versuchen Sie das Licht mit dem Papier auf die Lehne im Schatten zu „spiegeln“. Verändern Sie dabei den Abstand und den Winkel … experimentieren Sie … nehmen Sie farbiges Papier … oder einen Spiegel anstelle des Papiers – besser kann man die Zusammenhänge des Lichtes und der Beleuchtung nicht verstehen lernen.
    Die interessantesten Konstellationen sollten Sie fotografieren (digital ist das ja fast umsonst) und zusätzlich eine Skizze der Beleuchtung machen, damit Sie das später noch einmal wiederholen können. Und auch unter freiem Himmel kann man das Lichtspiel hervorragend studieren. Beobachten Sie doch einmal die Auswirkung einer in der Nähe befindlichen weißen Hauswand auf die Schatten unter Bäumen, oder sehen Sie sich die Unterschiede in den Schattenpartien an, die auftreten, wenn die Sonne nicht direkt strahlt, sondern durch leichte Schleierwolken hindurch.

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    Die Lichtfarbe (Farbtemperatur, Weißabgleich) beeinflusst in erster Linie die emotionale Wirkung eines Bildes. Das Licht kann viele verschiedene Farben annehmen.
    Diese Farben und ihre Stimmung beeinflussen die Bildaussage und die Bildwirkung. Kalte, blaue Farben rufen beim Betrachter natürlich andere Gefühle hervor als warme, gelbe oder gelbrote Farbstimmungen.

    Der Lichtcharakter wirkt sich in erster Linie in der Form und Präsenz der Schatten aus.

  • Direktes Licht aus einer punktförmigen Lichtquelle erzeugt Schatten, und je gerichteter dieses Licht ist, desto härter konturiert sind die Schatten. Das kann bis zur Scherenschnittwirkung gehen. Je weiter eine Lichtquelle entfernt ist, desto härter wird ihr Licht, desto schärfer sind die Grenzen der Schatten. (So wird auch die riesige Leuchtfläche der Sonne aufgrund des Abstandes zwischen Sonne und Erde in ihrer Wirkung zu einer punktförmigen Lichtquelle.)
  • Weiches Licht dagegen wird durch große leuchtende Flächen hervorgerufen. Je näher und größer diese sind, desto weicher und kontrastärmer ist die Lichtwirkung.

  • Doch nicht nur die Schatten werden vom Lichtcharakter gesteuert, auch die Reflexe werden beeinflusst. Große Leuchtflächen erzeugen weiche, große Reflexe auf „spiegelnden“ Oberflächen wie Chrom, Lack, aber auch Pflanzenblättern oder feuchten Oberflächen.
    Diese großen Reflexe helfen beim „Modellieren“ dreidimensionaler Formen, wenn diese möglichst plastisch wiedergeben werden sollen, gerade auch dann, wenn diese Flächen mehr oder weniger monochrom (einfarbig) sind.
    So werden große Leuchtflächen gerne für Fotos von Autos oder bei verchromten Armaturen im Sanitärbereich eingesetzt.

    Der Kamerastandpunkt
    Die Position, aus der heraus eine Aufnahme entsteht, ist extrem wichtig. Es können sich durch einen geänderten Standpunkt die Größenverhältnisse, die Beleuchtung und die emotionale Wirkung krass ändern. Dabei spielt sowohl der Abstand vom Motiv eine große Rolle als auch die relative „Höhe“ der Kamera im Vergleich zum Objekt.
    Der Aufnahmeabstand macht sich, am deutlichsten in Verbindung mit unterschiedlichen Brennweiten, in einer veränderten Größenrelation zwischen den Objekten im Bild bemerkbar.
    Durch einen großen Aufnahmeabstand scheint der Hintergrund im Verhältnis zum Mittelgrund größer zu werden. Umgekehrt wird das Hauptobjekt im Verhältnis zum Hintergrund größer, wenn man näher herangeht. Da eine Änderung des Aufnahmeabstandes oft mit der Wahl einer bestimmten Brennweite einhergeht, finden Sie nähere Erläuterungen hierzu im Kapitel „Objektiv“ unter „Welches Objektiv wofür?“.
    Übrigens, wenn Sie den Übungs- und Testfilm aus dem Kapitel „Tipps“ gemacht haben, finden Sie dort Aufgaben, deren Ergebnisse diese Zusammenhänge recht gut erläutern werden.
    Frontalansicht - Untersicht/Froschperspektive - Aufsicht/Vogelperspektive

    Die Wahl einer bestimmten Aufnahmehöhe (und damit Blickrichtung) ist sehr wichtig für die Bildaussage und die Bildwirkung. Bei Aufnahmen (nicht nur) von Menschen hat der Einsatz unterschiedlicher Perspektiven eine sehr starke emotionale Auswirkung.
    Mit der „Froschperspektive“ zum Beispiel werden die Personen „auf ein Podest gehoben“, „geadelt“, „erhöht“, während der Blick von oben herab (Vogelperspektive) eine eher verniedlichende Funktion hat. Diese Blickweise gibt aber ein schönes Gefühl der Übersichtlichkeit, während die Froschperspektive sehr dynamisch wirkt.
    Die bei diesen Blickwinkeln möglicherweise auftretenden perspektivischen Verzerrungen sind natürlich ein wichtiges Gestaltungsmittel. Ungewöhnliche Blickwinkel haben auf den Betrachter oft eine Wirkung wie ungewöhnliche Beleuchtungen. Sie verunsichern ihn, aber sie fesseln auch seine Aufmerksamkeit.

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