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Der Fluch der Präzision.
Früher (wer solche Worte benutzt, ist alt geworden...;-) )
gab es an den "besseren" Kameras vier (später auch fünf)
Einstellmöglichkeiten, die meist in Form von Rädern oder
Ringen ausgeführt waren:
Zeiten- und Empfindlichkeitsrad (manchmal als eine Einheit
ausgeführt), Blendenring, Fokusring und später noch die
Brennweiteneinstellung des Zooms.
An all diesen Rädern konnte man die Werte direkt ablesen.
Und man sah auch die anderen möglichen Werte bereits während
des Einstellens.
An den modernen Kameras ist diese Art der Werteangabe an den
Einstellrädern in der Regel verschwunden. Die gewählten Werte
muss man nun auf einem (manchmal etwas geringschätzig als
Mäusekino bezeichneten) Display ablesen. (Mit etwas Glück
zeigt die Kamera sie auch im Sucher an.)
Auf den ersten Blick ist das eine tolle Lösung. Solche Displays
bieten große Vorteile, wenn man viele unterschiedliche Werte
in möglichst hoher Präzision einstellen (und dazu anzeigen) möchte.
Am "antiken" Zeitenrad dagegen ließen sich nur einige wenige Zeitwerte
anzeigen, Zwischenstufen waren so kaum oder überhaupt nicht möglich.
Und auch am Blendenring wurden meist nur die vollen Werte angezeigt,
manchmal auch nur jeder Zweite.
Aus dem Blickwinkel eines technisch interessierten Menschen (z.B.
eines Ingenieurs in der Kameraentwicklung) ist das eher unbefriedigend.
Da sind die modernen Displays viel besser, denn man kann an ihnen im
Prinzip auch Werte wie 1/783stel Sekunde oder Blende 13,3772 präzise
anzeigen.
Aber mit dieser detaillierten Anzeige geht leider auch ein gravierender
Nachteil einher: der Überblick geht verloren.
In meinen Workshops stelle ich immer wieder fest, das es für das Lernen ein
Riesenverlust ist, wenn weder Blendenring noch Zeitenrad vorhanden sind.
Man bekommt so immer nur einen einzelnen Wert angezeigt. Dadurch dauert es
meist viel länger, bis ein Einsteiger ein Verhältnis für
die Zahlen bekommen hat.
Zu analogen (mechanischen) Zeiten bekam man mit einem Blendenring und einem
Zeitenrad wesentlich schneller einen Überblick über die Wertereihen. Die
Abfolge der Werte, ihre Anzahl und Reihenfolge ist auf den "antiken" Einstellrädern
auf einen Blick sichtbar, man kann sie schnell (kennen-)lernen.
Beim Display des digitale Zeitalters ist das leider ganz anders.
Man bekommt immer nur einen Wert (bzw. ein Wertepaar), den gerade aktuellen,
aus der Reihe der Werte angezeigt.
Man sieht die Werte nicht alle auf einen Blick, sondern muss für etwas
Überblick die Angaben "durchscrollen." Wie viele Stufen z.B. Blende 16
von Blende 5.6 entfernt ist, ist so viel schlechter zu erkennen (und
damit auch schlechter zu lernen). Man muss die Klicks zählen - und je
nach Kamera noch durch drei teilen, weil die Werte in Drittelstufen
angezeigt werden. Bei den Zeitenangaben sieht es keinen Deut besser aus.
Diese Art der Darstellung ist nicht gut für das intuitive Erfassen der
Zusammenhänge der Belichtung.
Das Problem liegt aber nicht an den Displays, diese könnten sogar noch
besser beim Lernen helfen als die Knöpfe und Rädchen früherer Zeiten.
Aber die Kamerahersteller müssten die Anzeigen an die Bedürfnisse eines
Fotografen und nicht an die eines Technikers anpassen.
(Man könnte sogar umschaltbare Displayanzeigen für unterschiedliche
Nutzergruppen entwickeln, so ein Display kann ja viele verschieden Sachen
anzeigen.)
Es gäbe einige Möglichkeiten, die verwirrenden Anzeigen zu umgehen.
So könnten die Kamerahersteller in einem ersten Schritt auf die präzise aber
verwirrend benannten Zwischenstufen verzichten und nur die "vollen" Blenden-
und Zeitwerte anzeigen. Zwischenstufen könnte man, so wie schon früher in der
professionellen Belichtungsmessung üblich, in "plus 1/3" und "plus 2/3" oder,
wenn eine solche Genauigkeit unbedingt erforderlich ist, in "plus x/10tel" Stufen
angeben.
Die Anzeigewerte wäre dann nicht Blende 13, sondern 11 + 1/3tel, statt 1/320stel Sekunde
wäre es 1/250stel + 1/3.
Diese Drittelstufen könnte man mit Punkten oder Strichen darstellen. Auf einem "Zollstock"
klappt das mit den Zehntelzentimeter ja auch ganz gut ohne angezeigte Zahlenwerte.
Die Zahlenwerte, die man sich merken müsste, wären auf diese Art auf ein Drittel
reduziert, die Genauigkeit der Angaben aber genauso oder (bei 1/10tel-Stufen) sogar höher.
So könnte es Anfängern viel leichter fallen, die entsprechenden Bezeichnungen zu lernen und
ein Verhältnis und ein Gefühl für diese Werte zu erreichen. Man weiß dann viel schneller,
was Blende 5.6 oder 1/500stel Sekunde im Rahmen der Wertespektrums bedeutet.
Es gibt noch weitere Möglichkeiten, Einsteigern das Leben zu erleichtern. Durch einen etwas
geänderten Aufbau oder besser der Displayanzeige kann man das Verständnis für das Zusammenspiel
der Werte zu erhöhen.
Wenn auf den Displays zur Belichtungssteuerung nicht eine Vielzahl in dem Moment eher
unwichtiger Angaben wären, wäre genügend Platz, eine Zahlen- und Blendereihe anzuzeigen.
Dazu wäre es nur nötig, auch einige der benachbarten Werte der jeweils eingestellten
Kombination anzuzeigen.
So etwas könnte zum Beispiel so aussehen:
In der Mitte wird die jeweils aktuelle Einstellung hervorgehoben gekennzeichnet, die benachbarten
Werte werden ebenfalls angezeigt. Die Paare sind so sortiert, dass die Kombinationen immer zur
gleichen Belichtungsintensität führen würden.
Mit den kleinen Icons (die sicher noch einmal überarbeitet werden könnten) wird auch die
Auswirkung der Wahl eines anderen Paares auf die Bildgestaltung anzeigen. Wandert man nach
rechts, wächst die Bewegungsschärfe bei nachlassender Schärfentiefe, wandert man nach
links ist es genau anders herum.
Mit einem solchen Display würden Einsteiger in der Fotografie schnell die grundlegenden
Zusammenhänge kennen lernen. Und für den Fortgeschrittenen, der so einen "Kinderkram"
(vermeintlich) nicht mehr braucht, könnte man das ja als abschaltbare Option anbieten.
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